Kosten-Nutzen-Analyse für Lernplattformen

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Die Ausgaben für E-Learning-Maßnahmen an Schulen werden oft allein mit den qualitativen Vorteilen begründet, die sich aus der Maßnahme für Schüler, Lehrer und Eltern ergeben. Lässt sich deren Erfolg aber nicht auch quantitativ fassen? Die Frage ist insofern interessant, als bei Entscheidungen in der Praxis oft nur die Ausgabe gesehen wird und die Frage „können bzw. wollen wir uns das leisten“ im Vordergrund steht. Wie aber steht es um das finanzielle Output der Maßnahme? Ergibt sich, wenn man sich die Mühe einer Quantifizierung macht, am Ende nicht sogar eine positive Bilanz? Hier empfiehlt sich eine Kosten-Nutzen-Analyse für Lernplattformen.

Beispiel „Mathegym“: Eine Schullizenz „Large“ für bis zu 500 Nutzer kostet 699€/Jahr – ein Betrag, der normalerweise aus Fachschaftsmitteln allein nicht zu stemmen ist. Ein Mathe-Fachbetreuer, der sich auf die Suche nach (zusätzlichen) Geldquellen für die Finanzierung der Lizenz macht, wird potentiellen Geldgebern gegenüber anführen, dass er sich durch den Einsatz der Plattform Erleichterung für die Schüler bei der Nachbereitung des Unterrichts und bei der Vorbereitung auf Prüfungen erwartet. Für die Lehrkräfte verspricht er sich ebenfalls Vorteile, da Hausaufgaben als Arbeitsaufträge über die Plattform gegeben werden können, was die Kontrolle wesentlich erleichtert usw. Trotz dieser guten Argumente wird allein der jährliche Betrag von 699€ manchen Schulleiter abschrecken.

Im Folgenden unternehme ich den Versuch einer allumfassenden Kosten-Nutzen-Analyse für Lernplattformen am Beispiel „Mathegym“. Dabei werden rein quantitative Kriterien zugrunde gelegt, die in Ergänzung zu den qualitativen Vorteilen eines Blended-learning-Ansatzes zu betrachten sind.

Bestandteile einer Kosten-Nutzen-Analyse für Lernplattformen

Generell sind auf der Kostenseite folgende Faktoren zu berücksichtigen und ins Verhältnis zur Eigenarbeit zu setzen:

  • Erstellung von Lerninhalten (Unterrichtsvorbereitung, extra Aufgaben erstellen etc.)
  • Nutzung der Lerninhalte (Übertragung, Ausdruck, Betreuung etc.)
  • Anschaffung für Hardware (Infrastruktur, Endgeräte etc.)
  • Software-Lizenz(en)
  • Implementierung (Anpassungen des Systems, Einarbeitung der Lehrer etc.)
  • Laufender Betrieb (Strom, Reparatur, Support etc.)
  • Beratung- und Kommunikation (Informationsmaterial, Aufklärung, Veränderung der Lernkultur etc.)
  • Opportunitätskosten (Ausfallzeiten, Administration)

Diesen Kosten steht folgender Nutzen gegenüber:

  • Reduktion der Vor- und Nachbereitungszeiten für Lehrer
  • Reduktion der Zeit und Kosten für Eltern, Trainer oder Nachhilfelehrer

Oft ist der Wert von Wissen, Mitarbeiter- bzw. Elternqualifikation, Stundenlohn und Anzahl der (Über-) Stunden kaum bekannt und wird daher nicht als Wert „bilanziert“. Dies führt dazu, dass der Investitionsrechnung grundsätzlich falsche bzw. zu wenig Annahmen zugrunde gelegt und somit nicht immer richtige Entscheidungen getroffen werden.

Die folgende Rechnung erhebt den Anspruch, die wesentlichen Kosten- und Nutzenaspekte umfassend einzubeziehen. Die von mir verwendeten Werte beruhen zum Teil auf Schätzungen und unterscheiden sich mit Sicherheit auch von Schule zu Schule. Im Zweifelsfall sollten Sie also die Daten, die Ihnen bekannt sind oder die auf Ihre Schule zutreffen, statt den von mir verwendeten Daten für Ihre Rechnung heranziehen.

Annahmen

Für unsere Beispielrechnung der Kosten-Nutzen-Analyse für Lernplattformen verwenden wir folgende Werte:

  • Anzahl Schüler: 450
  • Lizenzkosten Mathegym: 699 Euro (=1,55 Euro/Schüler/Jahr)
  • Bruttostundenlohn eines Lehrers: 30,00 Euro (gerundet, Quelle)
  • Mathe-Unterrichtsstunden pro Woche: 12
  • Schulwochen pro Jahr: 36
  • Anzahl Mathe-Lehrer pro Schule: 8
  • Anzahl Mathe-Klassen pro Lehrer: 3
  • Prüfungsvorbereitung pro Klasse: 6h pro Jahr (Erfahrungswert)
  • Aufwand Vorbereitung Mathegym pro Schulstunde: 5 Min.
  • Einsparung durch effizientere Hausaufgabenkontrolle im Unterricht: 10 Min. (Erfahrungswert)
  • Einsparung durch verkürzte Wiederholung Grundwissen pro Schulstunde: 2 Min (Erfahrungswert)
  • Grundvorbereitungszeit Präsenzunterricht pro Schulstunde: 5 Min. (Erfahrungswert)
  • Dauer Schulstunde: 45 Minuten
  • Intensivierungskurse pro Woche: 2 Schulstunden pro Schule (umgelegt auf Nachbereitung)
  • Einsparung Intensivierungskurse pro Woche durch Mathegym: 1 Schulstunde (umgelegt auf Nachbereitung)
  • Dauer Vorbereitung alternative Plattformen pro Schulstunde (z.B. Aufgabenerstellung & Übertragung): 8 Min
  • Dauer Nachbereitung alternative Plattformen pro Schulstunde (z.B. Korrektur): 10 Min
  • Initialer Aufwand Einarbeitung in Mathegym: 2 Stunden/Lehrer (Erfahrungswert)
  • Initialer Aufwand Einarbeitung in alternative Kommunikationsplattform: 4 Stunden/Lehrer (Schätzung)
  • Prozentsatz des Schüler mit Nachhilfe: 14% (Quelle)
  • Kosten der Nachhilfe pro Woche/Schüler (Nachhilfelehrer, Eltern): 25 Euro (Quelle)

Kosten-Nutzen-Betrachtung

Vorweg möchte ich betonen, dass der Einsatz von Lernplattformen nicht darauf abzielt, die internen Kosten der Schule zu reduzieren. In erster Linie soll der Einsatz die Qualität der Ausbildung verbessern, indem die Schüler ein effektives Hilfsmittel für das (Nach-)lernen und Üben zu Hause und die Lehrer durch Optimierung des Arbeitseinsatzes mehr Zeit für wichtige Aufgaben erhalten. Wenn ich nun die qualitativen Verbesserungen zu quantifizieren versuchen, dann mit dem Ziel, das lohnende Investment auch durch eine Zahl ausdrücken zu können.

Betrachtung des Präsenzunterrichts im Vergleich „Stand-alone“, „mit oder über Kommunikationsplattformen“, „Präsenzunterricht plus zusätzlich Mathegym“, pro Lerneinheit und in Summe pro Woche.

Kosten-Nutzen-Analyse

Diese wöchentlichen Zahlen resultieren in einer quantitativen Kosten-Nutzen-Betrachtung für das gesamte Schuljahr:

Mathegym Komm.
Plattform
ohne e-Learning
Kosten des e-Learning (pro Schuljahr)
Kosten der Erstellung der Lerninhalte 0 €  k.A. 0 €
Kosten der Nutzung der Lerninhalte 0 €  k.A. 0 €
Anschaffungskosten für Hardware 0 €  k.A. 0 €
Lizenzkosten für Software 699 €  k.A. 0 €
Implementierungskosten
(Einarbeitungszeit der Lehrer)
480 € 960 € 0 €
Betriebskosten 0 €  k.A. 0 €
Beratungs- und Kommunikationskosten 0 € k.A. 0 €
Opportunitätskosten 0 €  k.A. 0 €
Nutzen des e-Learning  (pro Schuljahr)
Einsparungen/Kosten der Vor- und Nach-
bereitungszeiten für Lehrer
– 17.226 € 31.104 € 0 €
Einsparung von Zeit und Kosten für Eltern,
Trainer oder Nachhilfelehrer
– 56.700 € k.A. 0 €

Die Angaben mit k.A. sind je nach Plattform unterschiedlich. In einigen Fällen fallen hier weitere Kosten an, die eingetragen werden sollten.

Fazit

  1. Die Einsparungen und Kosten durch den Einsatz von E-Learning-Software sind zwar –  im betriebswirtschaftlichen Sinne – nur bedingt bilanzierbar, doch lassen sich einige Qualitätsverbesserungen des Angebotes unter Berücksichtigung des Zeiteinsatzes von Eltern und Lehrkräften durchaus in Zahlen fassen. Gemessen am Zugewinn erscheinen die Lizenz- und (einmaligen) Implementierungskosten eher gering – vor allem bei Content-basierten Plattformen, aber durch die qualitativen Verbesserungen auch bei Kommunikations- und Verteilungsplattformen.
  2. Der quantitative und qualitative Zugewinn fällt bei Lernplattformen mit bereits vorhandenem und professionell aufbereitetem Content deutlich größer aus.

Finanzierung der Kosten

Die Kosten für die Lizenz (im Fall von Mathegym 699 Euro) fallen auf Seiten der Schule an. Ich betrachte 699€, vor dem Hintergrund der oberen Betrachtungen, als relativ kleine Hürde, die einer zukunftsorientierten Ausbildung der heranwachsenden Generation nicht im Wege stehen darf. Sollte dieser Betrag durch das aktuelle Schuljahres-Budget nicht abgedeckt sein, so wären alternative Finanzierungs- und Förderquellen zu erwägen. Mehr darüber erfahren Sie in unserem Beitrag „Finanzierungsquellen für digitale Bildungsausgaben“.

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Robert Walters

Robert ist Kaufmann, Internet-Unternehmer, Business Angel und Vater von zwei Kindern. Ihm liegt das Thema "Digitalisierung am Bildungsstandort Deutschland" besonders am Herzen.

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