Online-Lernen am Beispielfach Mathe

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Ich bin Mathematiklehrer und beschäftige mich seit meinem Studium mit dem Thema „e-learning“ bzw. „Mathe online lernen“. Als Entwickler der mehrfach ausgezeichneten Lernplattform „Mathegym“ hatte ich in den letzten Jahren immer wieder Gelegenheit, meine Erfahrungen zum Thema „Online lernen“ durch Vorträge oder Teilnahme an Podiumsdiskussionen mit anderen Menschen zu teilen – zuletzt im Oktober 2019 bei der Veranstaltung „Mental Digital Genial – Ende der Kreidezeit in der Schule?“ des Arbeitskreises Humanistisches Gymnasium, unter anderem mit dem bekannten Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch und dem bayerischen Minister für Unterricht und Kultus, Michael Piazolo.

Die Idee, eine Mathematik-Lernplattform zu gründen, kam mir im Jahr 2006 nach einer Mathefachsitzung, bei der meine Kollegen und ich darüber diskutierten, wie man das Grundwissen der Matheschüler stärken könnte – eine oft unterschätzte Erfolgskomponente. Die Rezepte, die da besprochen wurden, überzeugten mich einfach nicht. Warum sollten Lehrer so viel Zusatzarbeit haben und individuelle Lernmaterialien für Schüler mit Matheschwierigkeiten zusammenstellen? Noch dazu mit der Aussicht, dass diese Materialien gar nicht bearbeitet werden, weil sie den Schülern wenig Motivation und noch weniger Hilfe bieten. Und plötzlich hatte ich die Vision von einer Mathe-Lernplattform mit all den Vorteilen, die „online learning“ bis heute bietet.

Vorteile des Online-Lernens

Leichte Abrufbarkeit

Zu anlogen Zeiten war man noch ziemlich aufgeschmissen, wenn etwas im Unterricht nicht klar rüberkam. Falls nicht gerade Eltern zur Stelle waren, die sich mit dem Stoff auskannten, konnte man nur hoffen, dass die Freunde es kapiert und auch Zeit und Lust hatten, es einem zu erklären. Oder man musste sich zusätzliche Bücher beschaffen.  Heutzutage ist es dank Internet viel einfacher, sich sofort die Hilfe zu organisieren, die man braucht: Lernvideos, Wikipedia, Aufgaben und Lösungen im pdf- oder Onlineformat etc.

Anpassung an individuelle Bedürfnisse

Lernvideos haben den großen Vorteil, dass man sie in seiner eigenen Geschwindigkeit sehen kann. Wenn etwas beim ersten Mal nicht klar geworden ist, geht man halt noch einmal zurück. Zudem findet man ein breites Angebot an Coaches im Netz und kann sich den herauspicken, der den persönlichen Bedürfnissen am meisten entgegen kommt: der eine Schüler mag es lustig, der andere sachlich, der eine will es kurz und bündig, der andere liebt es, in die Tiefe zu gehen.

Motivation und Hilfestellung

Eine große Hilfestellung beim „Mathe online lernen“ sind geführte Lösungswege bei komplexen Aufgaben, wie wir sie bei Mathegym seit vielen Jahren anbieten. Schüler können dabei die Aufgabe in Einzelschritten lösen, wobei sie nach jedem Lösungsschritt eine Rückmeldung bekommen. So lassen sich komplizierte Lösungswege einüben, die dann auch ins analoge Lernen übernommen werden können.

Erlebte Kompetenz beim Lösen von Aufgaben motiviert. Aber auch bei der „extrinsischen Motivation“, also Belohnung, kann „online lernen“ ein klares Plus verbuchen. Sehr beliebt sind bei unserer Lernplattform die Smileys nach richtigen Antworten und die „Checkos“ (=Belohnungspunkte für richtig gelöste Aufgaben), die Schüler auf ihrem Übungskonto sammeln können. Wer will, kann sich mit anderen Nutzern messen: wer schafft mehr Checkos an einem Tag oder im Schuljahr?

Das soll aber nicht heißen, dass wir ab morgen Schulen und Lehrer abschaffen und ab da nur noch online lernen. Wie immer bestimmt auch bei der digitalen Bildung die Dosis darüber, ob Vorteile oder Nachteile entstehen.

Gefahren beim Online-Lernen

Oberflächlichkeit durch mangelnde Anstrengung

Wer seine Lernhäppchen immer mundgerecht serviert bekommt, strengt sich nicht mehr an. Und Lernen ohne jede Anstrengung bleibt an der Oberfläche. Daher ist es wichtig, dass neben dem „online lernen“ auch noch analoges Lernen stattfindet. Komplexe Aufgaben, die man ohne jede Hilfe und Führung in vielen Schritten handschriftlich löst, dürfen auf keinen Fall von der Speisekarte verschwinden.

Oberflächlichkeit durch Vereinfachung

In einem Interview mit der FAZ im Februar 2019 äußert sich Professor Matthias Ludwig von der Uni Frankfurt äußerst kritisch zu den populären Lernvideos auf YouTube: zu vereinfachend, zu wenig Tiefe. Auf der einen Seite möchte ich ihm beipflichten, denn viele Videos scheinen genau deswegen populär zu sein, weil sie komplexe Zusammenhänge auf einfache Formeln und Rezepte reduzieren und den Schülern somit eine vermeintliche Sicherheit vorgaukeln: „alles verstanden, ist doch gar nicht so schwer!“

Andererseits richten sich solch einfach gestrickten Videos an Schüler, die ohne diese Rezepte völlig aufgeschmissen wären. Da sage ich: lieber oberflächlich gelernt als gar keine Ahnung! Abgesehen davon bieten die Lerntutorials im Internet ein breites Spektrum an Qualitätsstufen. Da kommen auch sehr leistungsstarke Schüler auf ihre Kosten.

Die auf unserer Plattform Mathegym dargebotenen Videos sind übrigens deutlich länger als die „typischen“ YouTube-Lerntutorials und orientieren sich, da von erfahrenen Lehrern gehalten, am Niveau des Schulunterrichts.

Video-Tutorial auf Mathegym

Beispiel: Mathe Grundkenntnisse werden beim Mathe online lernen auch per Video vermittelt.

Fehlende Beziehung zum Lehrer

Lernen ist Beziehung – insofern kann kein noch so cleveres Lernprogramm den guten Lehrer ersetzen, der sich in seinem Fach auskennt und der seine Schüler, weil sie ihm am Herzen liegen, tagtäglich zu guten Leistungen anspornt. Schüler, die sich dem Unterricht der Schule entziehen und ihr Wissen vorwiegend von Lernplattformen oder YouTube beziehen, bringen sich um diesen natürlichen Motivationsfaktor.

Andererseits stören mich Aussagen von angeblichen Bildungsexperten, die dem „Online lernen“ jeden Wert absprechen, weil hier keine Beziehung stattfindet. Zum einen sollte hier nicht vergessen werden, dass das Schüler-Lehrer-Verhältnis wegen schlechter Noten, Verweisen oder persönlichen Konflikten zuweilen sehr belastet ist. „Beziehung“ muss also nicht automatisch „gute Beziehung“ heißen. Zum anderen stellen Menschen durchaus einseitige Beziehungen zu Dingen oder Menschen her, also auch zu einem Lernprogramm oder einem Lerncoach im Video. Und die ist meistens gar nicht so schlecht, v.a. wenn das Video den gefrusteten Schüler aus dem Schlamassel zieht.

Fazit: Online-lernen ist eine super Ergänzung zum herkömmlichen „analogen“ Lernen

Ich sehe digitale Bildung aufgrund meiner langjährigen Erfahrung als ein sehr nützliches Zusatzinstrument, das, bezogen auf die jeweilige Zielgruppe, ein Mehr an Motivation, Verständlichkeit und/oder Anregung für über den Lehrplan hinausgehende Inhalte bietet. Diese qualitativen Aspekte überwiegen gegenüber den quantitativen, finanziellen Aspekten.

Eine nette Anekdote zum Abschluss: Ich selbst bin seit seit 2011 als Video-Lehrer auf der Plattform Mathegym abrufbar. Gleichzeitig unterrichte ich ganz herkömmlich und analog an meinem Gymnasium. Vor Jahren meinte eine Schülerin aus meiner neunten Klasse: „Komisch, Herr Ammel, in Ihren Videos verstehe ich sie zu 100%, hier im Klassenzimmer tue ich mir dagegen schwer.“ Wir sind dann gemeinsam drauf gekommen, dass gerade der (von Professor Matthias Ludwig geschmähte) Monolog des Youtube-Lehrers einen roten Faden ermöglicht, den man im analogen Unterricht oft schwer vermisst. Dort wird der Lehrer häufig unterbrochen durch Verständnisfragen, aber auch bereichernde Beiträge interessierter Schüler führen dazu, dass viele Mitschüler in Gedanken abschweifen, während sie vor dem Bildschirm konzentriert die Essenz erfassen.

Das Beispiel zeigt: was welche Lernform an Vor- und Nachteilen bringt, lässt sich nur schwer pauschalisieren.

Rainer Ammel
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Rainer Ammel

Rainer Ammel ist der Gründer von Mathegym und zudem noch aktiver Mathelehrer an einem Gymnasium in Bayern. Das Thema digitale Bildung beleuchtet er aus sehr praktischer Perspektive. Hier hilft ihm zudem seine Ausbildung und Funktion als Schulpsychologe.

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