Digitale Bildung: Und täglich grüßt das Hamsterrad

Madeleine Wolf
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Gastbeitrag zum Thema digitale Bildung, von Madeleine Wolf

Rainer Ammel, Pionier für digitale Bildung und Betreiber der Lernplattform Mathegym, hat in seinem Beitrag Warum Digitalisierung an den Schulen so schwer vorankommt eine sehr treffende Analyse dessen geliefert, was momentan die digitalen Getriebe der Schulen haken lässt. Der Mathelehrer sieht nicht hinter dem Mond lebende Kolleginnen und Kollegen als diejenigen, die Sand ins Getriebe streuen, sondern benennt die wahren Hemmmechanismen: Zu wenig Zeit, zu wenig Geld und generell zu wenig Unterstützung.

Und das in dem Artikel beschriebene Hamsterrad, in welchem sich die Lehrkräfte befinden, hat weder durch die Zeit der Schulschließungen noch den Einsatz digitaler Tools und Inhalte eine Pause eingelegt oder seine Geschwindigkeit verringert. Ganz im Gegenteil, denn der Umstieg auf Homeschooling von einem Tag auf den anderen hat dazu geführt, dass das Hinterherhecheln noch anstrengender geworden ist. Denn auch wenn es durchaus finanzielle Unterstützung aus dem DigitalPakt Schule gibt, ohne ein Konzept, wofür genau die Mittel eingesetzt werden, geht da nix. Durch die Zusage des Bundesbildungsministeriums ist es ab sofort möglich, dass der DigitalPakt Schule vor Ort schneller umgesetzt werden kann. Das notwendige Medienkonzept muss jetzt zwar nicht mehr sofort vor Start der Maßnahme, sondern bei deren Abschluss vorlegt werden. Diese Arbeit muss aber trotzdem zusätzlich zum normalen Schulalltag erledigt werden. Und bei unserer Betreuung von Schulen bei der Erstellung der Medienentwicklungspläne  haben wir festgestellt, dass dies ohne Unterstützung das Hamsterrad noch schneller rotieren lässt.

Soforthilfe, nur eben später

Auch die Ergänzungen des DigitalPakts Schule durch die Corona-Hilfen I & II (Förderung von Content & Sofortprogramm Endgeräte) haben hier wenig Abhilfe geschafft. Denn die kryptischen Formulierungen der Programme und die zahlreichen Einschränkungen tragen eher zu Verwirrung bei, als dass sie die proklamierte Soforthilfe darstellen. Für Content ist „ein reiner Lizenzerwerb auf Schulebene ohne Verbindung zu einer geförderten Landesinfrastruktur nicht förderfähig“ (BMBF 2020/1), und „die Schulen bei der Erstellung von Online-Lerninhalten unterstützt werden“ – na dann… Übersetzt heißt das so viel wie: Bitte erstellt euch eure digitalen Inhalte doch bitte selber, liebe Lehrkräfte. Und dies geht völlig an der momentanen Lebensrealität der meisten Lehrkräfte vorbei. Denn weder bleibt momentan viel Zeit für die Erstellung didaktisch fundierter digitaler Inhalte, noch für Schulungen und Fortbildungen, welche viele Lehrkräfte benötigen, um die analogen Inhalte überhaupt eigenständig digitalisieren zu können. Denn nach unseren Erfahrungen stellt schon die Nutzung der gängigen Office-Anwendungen für einige Lehrkräfte eine Herausforderung dar, wodurch die Erstellung von digitalen Lernmaterialien mit einem professionellen Anspruch durch diesen Personenkreis wenig realistisch ist.

Potenziale verschenken hat nichts mit Großzügigkeit zu tun

Darüber hinaus werden so die Potenziale für digitale Bildung einfach brach liegen gelassen. Denn digitaler Unterricht heißt nicht einfach Arbeitsblätter, die vorher ausgedruckt worden wären, als PDFs per Mail zu versenden. Er bedeutet, durch Individualisierung der Inhalte und des Lernprozesses auf die jeweiligen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen zu können. Und das ist nicht nur im Rahmen einer inklusiven Gesellschaft mehr als angezeigt. Lernplattformen wie Mathegym ermöglichen, dass Schülerinnen und Schüler eigenständig Inhalte wiederholen können, welche sie noch nicht oder zu wenig verstanden haben. Die Lernenden werden motiviert, eigenverantwortlich und im individuellen Tempo zu lernen. Dies bedeutet für die Lehrkräfte eine erhebliche Entlastung, welche sie beispielsweise für eigene Schulung und Fortbildung mehr als gut gebrauchen könnten. Doch auch in anderen Bereichen werden die Vorteile digitaler Bildung deutlich. Nehmen wir das Beispiel der Berufsorientierung. Heute erhalten Schülerinnen und Schüler zu selten Einblicke in eine Vielzahl von Berufen und Unternehmen. Zeit, Praktikabilität und Sicherheit spielen hierbei eine entscheidende Rolle, aber auch der unrealistische Anspruch, dass Lehrkräfte eine genaue Kenntnis der stetig wachsenden Anzahl an Spezifikationen und Anforderungsprofilen aller Ausbildungs- und Studienberufe haben können. Um Schülerinnen und Schülern dennoch einen schnellen Einblick in verschiedene Jobs und Unternehmen zu ermöglichen, hat visionYOU die svipe App entwickelt. Mit ihr werden nicht nur in kürzester Zeit zahlreiche Berufe vorgestellt, sondern sie kommt auch mit speziell konzipierten Unterrichtsmaterialien daher. Diese kombinieren die digitale Wissensvermittlung mit der weiterhin wertvollen analogen Gruppenarbeit. Durch die kostenlos zur Verfügung gestellten Unterrichtskonzepte reduziert sich die Vorbereitungszeit für Lehrende erheblich. Darüber hinaus holt die App Jugendliche in einem für sie vertrauten Medium ab (App mit Video-Content auf Smartphone) und ermöglicht es ihnen seit kurzem auch digitale Kurseinheiten, beispielsweise zum Thema Bewerbungsgespräch, zu absolvieren. Dadurch, dass die App sowohl im App Store als auch im Google Play Store kostenfrei erhältlich, datenschutzkonform und speziell für Schulen konzipiert ist, kann sie ohne Bedenken im Unterricht eingesetzt werden. Nach der Erst-Installation kommen die Hauptfunktionen sogar ohne WLAN aus.

Raus aus dem Hamsterrad!

Um das Hamsterrad dauerhaft verlassen zu können, benötigen Lehrkräfte Unterstützung, die sie tatsächlich entlastet und nicht vor neue Herausforderungen bezüglich der Beantragung, der Erstellung und des Einsatzes von digitalen Lehr- und Lernmitteln stellt. Zahlreiche erfahrene Dienstleister im Bereich digitale Bildung bieten hier ihre Unterstützung an und es muss Lehrkräften endlich ermöglicht werden, sie auch annehmen zu können. Vorstellbar wäre zum Beispiel eine Quote für die Beschaffung von professionell erstellten digitalen Inhalten, damit nach und nach auch professioneller digitaler Unterricht zum Standard wird. Denn ansonsten kommt bald die nächste Krise und alle sind so „digital” wie zuvor. Und der arme Tor ist wieder die Lehrkraft, der für das Abstrampeln im Hamsterrad auch noch Faulheit vorgeworfen wird.

Madeleine Wolf
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Madeleine Wolf

Madeleine Wolf ist Geschäftsführerin der visionYOU GmbH, der Kreativagentur für digitale Bildung. visionYOU unterstützt Schulen beim digitalen Wandel, entwickelt digitale Lerneinheiten für Schülerinnen und Schüler, Online-Fortbildungen für Lehrkräfte und hat die App svipe zur Berufsorientierung und Trainings rund um digitale Berufe entwickelt.

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